Severin Groebners Newsletter
Groebners neuer Glossenhauer
Der neue Glossenhauer

Schnapszahl!

8. September 2026

Groebners Glossenhauer Nummer 111 ist da.
Und 111 - das ist eine Schnapszahl!

Komisches Wort eigentlich „Schnapszahl“.
Man könnte meinen, dass der Begriff eine angetrunkene Ziffer beschreibt.
Oder die Prozentgrenze, ab wann eine Flüssigkeit als Schnaps zu bezeichnen ist.
Oder das Alter, ab wann man Schnaps trinken darf.
Aber nein. Allein das mehrfache Aufkommen einer Ziffer im Rahmen einer Zahl reicht schon dazu, aus diesem unschuldigen Nennwert eine „Schnapszahl“ zu machen.

Sowas wie 44.
Fast 44 Prozent haben ja nicht nur mancher Schnaps, sondern soviel hat auch die AfD in Sachsen-Anhalt. Klingt echt nach viel. Dabei hat das Bundesland gerade mal 1,8 Millionen Wahlberechtigte.

Noch. Denn von denLeuten dort sind nicht sehr viele 44.
Denn das ist das Durchschnittsalter in Sachsen-Anhalts…
… jüngster Gemeinde. In Halle.
Landesweit liegt es bei über 48.
Das heißt: Bei der nächsten Wahl werden noch weniger Menschen aus Sachsen-Rückwärtsgang… nein… Sachsen-Bremse… auch nicht Sachsen-Anhalt (jetzt hab ich’s wieder) ganz Deutschland mit ihren erwählten Schnapszahlen in Erregung bringen.
Weil da alle immer natürlich hinschauen.

Obwohl „natürlich“ ein sehr gefährliches Wort ist.
Vor allem wenn etwas „nur natürlich“ ist!
Da kann man davon ausgehen, dass der Sprecher (oder die Sprecherin) einfach mal das Recht auf ungebremste Selbstentfaltung vor die Rücksicht auf andere stellt. Und zwar so hinstellt, dass man die anderen gar nicht mehr sieht.
Zehennägelschneiden beim Galadinner im Hygiene-Museum?
„Das ist doch nur natürlich!“
Video-Dreh des Trommelvereins Bielefeld im Ruhebereich des ICE?
„Das ist doch nur natürlich!“
PowerPointPräsentation über Geschlechtskrankheiten im Arthouse-Kino, während einer Vorstellung eines japanischen Kinder-Films mit Elfen, Schmetterlingen und einem depressiven Drachen, der in einem Sushi-Laden jobbt?
„Das ist doch nur natürlich!“

Ja, die Selbstentfaltung kann manchmal so groß sein, dass alles dahinter verschwindet.

Und wenn man dieser natürlichen Rücksichtslosigkeit inhaltlich zustimmen möchte und einmal was anderes sagen will als „Das ist doch nur natürlich!“, dann sagt man „Da hat er doch einen Punkt“.
Auch eine seltsame Formulierung.

Denn wer einen Punkt, hat nicht recht.
Oder das gesagte ist auch nicht richtig, sondern man hat eben „einen Punkt“. Wie in der Autofahrer-Kartei in Flensburg. Oder im Ringkampf.
Oder wenn man in Wien „schnapsen“ tut (ein lokales Kartenspiel pflegt, da kriegt man nämlich einen Punkt, wenn man verloren hat. Ein Bummerl also. Zum Gewinnen braucht man nämlich 66. Aber ich weiche schon wieder ab in die Schnapszahl…)

Diesen „Punkt“ hat man dann in Diskussionen.
Allerdings nicht in Diskussionen mit Marienkäfern, die haben nämlich immer mehrere Punkte. Und in den sachlichen Disput mit einem Schneeleopard oder in der inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem Dalmatiner braucht man mit einem lächerlichen Punkt gar nicht einsteigen.
Die punkten alle miteinander mit ganz anderen Zahlen von Punkten.
Vielleicht sogar mit Schnapszahlen von Punkten.

Wobei man sich ja fragt, warum eigentlich Punkt?
Warum hat der Mensch mit dem angeblich richtigen Gedanken nicht eine Linie? Oder zwei? Oder drei? Oder sogar ein Viereck?
Obendrein was hilft einem ein mickriger Punkt allein? Ohne den Aussagesatz, der dem Punkt vorangeht PUNKT
Das heißt jeder, der nur ein paar Sätze schreibt, einen längeren Text, ein Essay gar (oder einen Newsletter!) stellt den, der da auf seinem einzigen, lächerlichen Punkt hockt, locker in den Schatten PUNKT

Das wird dem natürlich nicht gefallen, der da punkteseelenallein in seinem punktuellen Dasein sitzt. Und dann fängt er an zu schimpfen. Natürlich!
Zur Zeit sehr beliebt bei natürlichen wütenden Menschen, die draufkommen, dass andere viel mehr Punkte (oder Argumente) haben, ist ja irgendwas mit „die linksgrünversifften“.

Ein sehr seltsames Schimpfwort.
Denn „versifft“ heißt ja soviel wie schmutzig. Grün-Versifft sind also Menschen, die Kleidung tragen, die irgendwie grün-beschmutzt ist.
Was bedeutet das? Das sie sich im Gras gewälzt haben.
Wer macht sowas (mal abgesehen von Kindern)?
Wer wälzt sich noch im Erwachsenenalter durchs Gras?
Menschen, die Wehrsportübungen machen.
Jetzt sind die beschimpften aber nur auf einer Seite - auf der linken - grün versifft. Da fallen schon mal alle Kinder raus. Die sind immer komplett dreckig.
Wie schafft man es also, nur auf einer Seite - nämlich links - grün zu versiffen? Indem die andere Körperhälfte den Boden mit dem abfärbenden Gras nicht berührt. Weil anscheinend ein Körperteil - ein Arm etwa - von der rechten Seite ständig derart weit absteht, dass diese Seite den Boden nicht berührt.
Ein durchs Gras robbender Wehrsportler mit ausgestrecktem rechten Arm. Das sind also die wahren links-grün-versifften. Natürlich Punkt.

Und die nennt man seit neustem „Die Rechten“
Früher hat man nach dem Rechten gesehen. Heute ist das anders. Heute schaut man aus dem Rechten heraus. Aus dem rechten Eck. Denn viele Menschen haben den Blickwinkel „der Rechten“ eingenommen. Wobei das ja keine „Rechten“ sind, weil sie ja ganz im äussersten Eck stehen. Da gehts nicht weiter. Sind also recht extreme Rechte. Kurz: Rechtsextreme.

So wollen sie sich aber nicht nennen. Oder nennen lassen. Deshalb sagen sie, sie wären „bürgerlich“. Auch ein komisches Wort.
Denn keiner der Bürger wohnt in einer Burg.
Ausser dem Reichsbürger Prinz Reuss. Der hat das früher mal gemacht. Jetzt wohnt er im Knast. Aber keiner sagt jetzt „Knasterlich“ zu ihm.

Viele Bürgerliche sagen auch gern über die Verhältnisse, in denen sie leben „gut bürgerlich“. Ob Zeitung, Küche oder Wohnung: Es sind gut bürgerliche Verhältnisse. Ich vermute, sie würden auch ihre juristischen Auseinandersetzungen, mentalen Störungen und psychischen Gendefekte als „gut bürgerlich“ bezeichnen.
Ich warte auf den Satz: „Unser Bub ist heute nicht da, weil der pflegt den gut bürgerlichen Femizid. Das hat bei uns Tradition. Hat der Opa schon an der Ostfront gemacht. Im Jahr ’44. Schnapszahl!“

Es gibt soviel gutbürgerliches, daß man sich wundert, das keiner vom Gegenteil redet: Dem schlecht bürgerlichen. Oder noch ärger: dem bös bürgerlichen? Oder gar von dem Wut bürgerlichen?
Das ist doch zur Zeit ganz natürlich.

Wer allerdings nicht natürlich ist und nicht bösbürgerlich und kein rechtsextremer, linksgrünversiffter Punkt, den bezeichnen die aus dem rechtsextremen Winkel betrachtenden dann als: „Kulturfremd“!

Das heißt soviel wie „Du spielst nicht mit!“, weil Du irgendwo herkommst, wo wir noch nicht einmal auf Urlaub waren. Und dabei waren wir schlichtbürgerlichen Naturburschen & -mädels sogar schon Italien. Und Malle. Und in Tirol. Und an der Ostsee. Also quasi überall. Natürlich!
Nur da, wo der her kommt, nicht. Deshalb ist der „kulturfremd“.
Schon wieder so ein komisches Wort.

Eigentlich ist doch jemand „kulturfremd“, der nie ins Theater, ins Kino oder in Ausstellungen geht. Jemand dem das Kulturelle völlig fremd ist, weil er nie ein Buch liest, sondern immer nur vor der Glotze sitzt. Oder an seinem Handy Doom-Scrolling betreibt.

Und dann gibt der Kulturfremde nach dem heißesten Sommer seit Beginn der Aufzeichnungen denen seine Stimme, die den Menschen gemachten Klimawandel leugnen und alle Maßnahmen dagegen runter fahren wollen.
Bis einmal die Durchschnittstemperaturen bei 44 Grad liegen?
Und was machen sie dann die rechtsextremen linksgrünversifften wutbürgerlichen Kulturfremden? Was machen sie bei 44 Grad?
Dann rufen sie laut: Schnapszahl!
Und fallen um. Hitzschlag.
Punkt.

Das ist doch nur natürlich.
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