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Groebners neuer Glossenhauer
Der neue Glossenhauer

Wunder im Gehörgang

24.01.2026

Ihr kennt das.
Gerade setzt hat man sich nieder gesetzt. Es sich gemütlich gemacht. Im Kaffeehaus, im Zug, im Bus, oder sonst irgendwo, wo man sich wie zuhause fühlt, aber dann doch nicht zuhause - oder gar alleine - ist.

Trotzdem: Man hat sein Lieblingsgetränk vor sich (je nach Tageszeit: Tee, Gin&Tonic, Hafermilch mit Barbituraten), der Sitz ist bequem, die Lektüre liegt gut in der Hand, alle Verantwortlichkeiten sind gut wegdelegiert (Hund im Hundesalon, Kind im Kindergarten, Partner im Swingerclub), kurz gesagt: Es passt alles und die gute Zeit kann los gehen.

Und plötzlich setzt sich hinter Dich der Typ - oder die Typin - mit dieser Stimme.
Genauer: Mit der unangenehmste Stimme der Welt. Ein Organ, das sich in Deinen Gehörgang bohrt, wie die Zunge des Ameisenbärs in den Ameisenbau.

Und die Stimme spricht. Und spricht. Und spricht. Und sie hört nicht mehr auf.
Und nichts von dem, was sie spricht, interessiert Dich, aber Du erfährst es:
Die Probleme bei der Anmeldung von batteriebetriebenen Rasenmähern / Wie das Konzert der Underwater-Industrial-Salsa-Volksmusik-Band „Die aufgetauten Fischstäbchen“ war (inklusive ein paar vom Handy abgespielte, selbstgemachte Mitschnitte) / Oder wie man den eitrigen Ausfluss an einem intimen Organ an Geruch und Farbe erkennt und wie dieser genau beschaffen ist (Spoiler: changierend zwischen Biomülltonne und Fleischabfällen und dunkelgrünbraunschimmelwurst).

Nichts davon willst Du wissen, aber es gibt kein Entrinnen. Es kriecht in Dich hinein, es nagelt sich über Dein Gehör in Dein Bewusstsein. Schlägt Wurzeln in Deinem Stammhirn. Legt Eier in Deiner Seele. Und es hört nicht auf.

Wir kennen das alle. Gerade jetzt.

Denn global betrachtet, ist diese unendlich nervige Stimme, die sich unermüdlich platzgreifend in Dir ausbreitet der Präsident der USA. Nichts, was der Mann sagt, will man hören. Aber: Man entkommt ihm nicht. Er ist überall. Und das jeden Tag.

Aber nicht hier. Hier gibt es Erholung.

Dieser Newsletter ist hiermit frei von Narzissten mit seltsamen Frisuren (mal abgesehen vom Autor). Hier sprechen wir mal über was Wichtiges. Also nicht darüber, worüber man in Österreich gerne spricht.

Denn dort redet man entweder über Lawinen (man kennt ja das Kinderlied: „Ich geh mit meiner Lawine und meine Lawine mit mir!“) oder über Kühe. Kühe, die sich mit einem Besen kratzen, wenn es sie juckt.

Kühe, die übrigens in Kärnten leben, wie die Kärntner gerne betonen.
Kühe, die allerdings aus Vorarlberg stammen, worauf die Vorarlberger gerne verweisen.
Mit einem Besen, der übrigens aus Oberösterreich kommt, was die Oberösterreicher… nicht wissen. Da kratzt man sich doch am Kopf - ganz ohne Verwendung eines Besens - und sagt sich: „Das sind Eure Probleme? Ihr habt es gut.“

Wir sprechen jetzt aber auch nicht, worüber man in Deutschland gerne spricht.
Also über Österreicher zum Beispiel. Typen wie Martin Sellner.
Ein Mensch, der wirkt als wäre er dem dicken Historienwälzer „Immer Ärger mit diesen Österreichern.“ entsprungen. Nämlich einem sehr schmalen Kapitel gleich hinter Ferdinand II., Franziska Donner (Ehegattin des Südkoreanischen Diktators Rhee Syng-man) und dem Fritzl Joseph.
Denn der Typ ist eigentlich ein völliges Paradoxon: Seine Lieblingsbeschäftigung ist, ins Ausland (Deutschland) zu fahren, wo er als Ausländer den örtlichen Ausländerfeinden erklärt, wie man Ausländer los wird. G’scheiter wär’s, er bliebe einfach zu Hause und hielte die Fresse. Wäre für alle angenehmer.

Denn obendrein ist es ja so - auch wenn das die Ausländerfeinde nicht hören wollen - das unsere Länder (die deutschen Landen, wie all die kleinen Österreiche) die Ausländer brauchen. In zahlreichen Lebensbereichen. In der Land- , der Gast- und auch der restlichen Wirtschaft, oder in der Pflege, sie finanzieren das Sozialsystem mit, und zum Dank dafür sind sie in allen Medien immer nur eins: Ein Problem.

Und wenn man den „Ausländer“ als „Problem“ ordentlich besprochen hat, dann wundert man sich in den selben Medien dann bitte aber auch blauäugig (pun intended) darüber, dass die AfD und FPÖ immer mehr Zuspruch bekommen.
Und dass, obwohl man nur ständig ihre Themen und Sichtweisen übernimmt.
Tja. Nächste Woche wundern wir uns dann bitte, warum der Dackel der Nachbarin mit seinem Bauch am Boden schleift, obwohl sie ihn seit Jahren täglich eineinhalb Kilo Hundefutter reinstopft, aber jegliche Bewegung verwehrt.

Man könnte ja auch - völlig verrückte Idee - über die tatsächliche Probleme reden.

Etwa über Gerechtigkeit. Ist es etwa gerecht, dass Manager eines Hedgefonds das zig-fache von einem/einer Krankenpfleger/in verdient? Oder anders gefragt: Wen möchtest Du im Falle eines medizinischen Notfalls lieber an Deiner Seite wissen? Hm.
Für alle die jetzt „Hedgefondmanager“ rufen: Ihr wisst schon, dass der Tod der letzte Shortseller ist, den Ihr trefft?
Ja? Dann ist gut.

Oder: Wir könnten natürlich auch über Fortschritt sprechen.
Ist es zum Beispiel wirklich Fortschritt, wenn der slowakische Ministerpräsident Fico in Florida einen uns allen völlig unbekannten, wie unbedeutenden, verwirrten, älteren Herrn trifft, um mit ihm - und seinen Freunden von Westinghouse - darüber zu sprechen, wie man das Atomkraftwerk in Bohunice (etwa 80km von Wien) ausbauen könnte.

Da sagt man sich doch: Na, endlich! Das ist ein Treffen von Menschen, die endgültig mit der Zukunft abgeschlossen haben. So sieht das aus, wenn man in die 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts zurück reist: Endlich wieder AKWs bauen. Wohin geht es als nächstes? Ins 19. Jahrhundert, um eine Heeresreform auf den Weg zu bringen, bei der eine fesche Kavallerie aufgestellt wird? Oder noch weiter? Vielleicht wird das Postwesen demnächst durch den massiven Einsatz von Brieftauben modernisiert? Oder der Arbeitsmarkt durch die Wiedereinführung der Leibeigenschaft?

Das sind eben die Konzepte von Menschen, die sowohl gut mit einem russischen Kriegsverbrecher sind, als auch mit einem nichterwähnenswerten, ehemaligen US-Reality-TV-Star, wie auch mit Orban, Kickl, Weidel und Meloni.

Wobei die Meloni sich in letzter Zeit ja auch gern mit Deutschlands Kanzler Merz trifft.
Wahrscheinlich, um etwas zu lernen. Denn in Deutschland, da geht was weiter. Aber hallo!
Nein, der BND hat immer noch nicht die Satelliten, die er gerne hätte.

Es ist aber wahrscheinlich auch schwierig von Pullach in Oberbayern Satelliten ins All zu schießen. Zumindest noch. Wer weiß, vielleicht stecken in diesen schönen Zwiebeltürmen, die die bayerischen Barockkirchen zieren, viel mehr als man glaubt und sie machen plötzlich - Pfuhhh! - und sind im All. Wenn in einer davon Markus Söder sitzen würde, täten sich auch herunten ein paar Leute freuen.

Aber es ging ja um den Fortschritt in Deutschland.
Denn… Trommelwirbel!….in der Bundesrepublik Deutschland gibt es bald das …ansteigender Trommelwirbel!… behördliche Führungszeugnis … sehr lauter Trommelwirbel!…in digitaler Form!

Tusch! Rakete! Feuerwerk! Sektkorken! In einem Amt bläst ein mittelalter Herr eine Luftschlange in die staubige Luft, blickt auf die Uhr und sagt: „Ah! Jetzt ist schon wieder Zeit für Middach.“

Ja, es ist vollbracht. Es gibt jetzt tatsächlich das amtliche Führungszeugnis aufs Handy. Ohne Papier.
Ja leckomio. Wahnsinn, das muß diese Effizienz sein, von der alle immer reden.
Die chinesische Führung prahlt damit, dass sie jeden ihrer 1,4 Milliarden Bürger digital überwachen kann, aber was ist das gegen Deutschland, wo jeder bald sein eigenes Führungszeugnis sich downloaden kann? Ha, nehmt das Ihr TikTokTechnikTaoisten!

Denn das digitale Führungszeugnis ist jetzt da.
Also fast. Bald. Noch ist es nicht so weit.
Nur nichts überstürzen. Jetzt hat einmal das Gesetz den Bundestag passiert.
Also nicht so wie Tomaten und Kinder passieren, sondern absichtlich. Im Vorübergehen.
Und dann wird das 2026 irgendwann möglich sein.
Und zwar so, wie das die zuständige Ministerin nennt, nämlich:
„Schnell und unbürokratisch“

Bis dahin?
Müssen wir - fürchte ich - dieser sehr unangenehmen Stimme von da hinten zuhören.
Ich möchte Kopfhörer.
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