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Groebners neuer Glossenhauer
Der neue Glossenhauer

The Joker

8. Februar 2026

Wenn man 8 mal 7 Jahre alt ist wie ich, passiert es einem, dass man sich selbst bei der Retrospektive ertappt.

Überraschend stürme ich dabei in den „Relaxroom“ meines „Mindsets“, reiße also ungefragt die Tür zu meinem Oberstübchen auf, in dem ich es mir gerade bequem gemacht habe, und frage mich forsch: „Was machst Du da?“
Oder: „Woran denkst Du gerade?“
Oder: „Wo hast Du schon wieder Deinen Kopf?“
Dann mach ich einen Scherz mir selbst gegenüber und versetze darauf keck:
„Auf meinen Schultern. Hoffentlich.“
Aber das lass ich mir nicht durchgehen. Ich kenn mich ja.

Deshalb sag ich auch zu mir: „Nein, nein… so nicht! Du hängst gerade Deinen Gedanken nach. Das seh ich doch! Und wo waren die?“
Darauf ich wieder, mit leiser Stimme: „Die waren in …. äh … früher.“
Und schließe ich peinlich berührt die App, auf der ich gerade das Kinoprogramm studiert habe.
Oder ich nehme sogar die Nadel von der Schallplatte, die gerade den Raum mit Prince beschallt hatte.
Also dem Prince aus Minneapolis. Ein Prince ohne Epstein. Und ein Minneapolis ohne ICE.
Ja, es könnte sogar sein, dass ich mein Buch (mit Seiten - ohne E) beschämt weg lege und brav wieder zum Smartphone greife.

„Früher?“ sag ich dann streng zu mir, „Das sollst Du doch nicht! Sonst verpasst Du den Anschluß!“
„Aber den Anschluß woran?“, frag ich mich dann.
„Das ist egal. Der Österreicher in Dir weiß, dass er keinen Anschluß verpassen darf!“ rüge ich mich.
Nicht ohne auch noch anzumerken: „Das ist ein sehr guter Witz übrigens. Den musst Du posten! Auf dieser Plattform und da und da und da und da und da… und da am besten auch noch.“
„Das muß diese Postmoderne sein.“ sag ich mir dann.
Worauf ich mit den Augen rolle und sag: „Schlechter Witz. Braucht Bildungshintergrund. Sowas will keiner. Besser was mit Katzen, Brüsten oder Rennautos.“
„Ah ja… wie wärs mit Katzen, die in zwei Sekunden auf 300 kmH beschleunigen können und Körbchengröße D haben?“
„Sehr gut!“, sag ich dann zu mir. „Das gibt Likes! Den Anschluß nicht vergessen!“

Und dann lass ich mich wieder alleine, worauf ich heimlich weiter einen Kinofilm (ohne Sequel oder Prequel) schaue, Platten höre, auf der Menschen selber Musik machen, oder ein Buch lese, indem ich Seiten umblättere. Seiten aus Papier.
Und all das ohne mein Smartphone zu beachten.
Ja, so mach ich das.

Einmal im Jahr gönne ich mir diese 20 Minuten.
Und dann denke ich an „früher“.

Und dabei komm ich drauf:
Der Unterschied zwischen der Zeit, aus der ich komme und die mich geprägt hat, und dem heute lässt sich eigentlich an einem Namen fest machen: Steve. Genauer gesagt: Stephen. Mit Nachnamen: Miller.
Also eigentlich besteht der Unterschied nur in drei Buchstaben.
Auf der einen Seite ein Steve Miller mit V und auf der anderen ein Stephen Miller mit P, H und einem N.

Das „V“ klingt ja gerne mal weich. Fast wie ein W. Im Englischen zumindest.
Beziehungsweise im amerikanischen Englisch, das ja so etwas ist, wie das Schweizer Deutsch unter den Englisch-Arten.
Immer, wenn man so jemanden reden hört, denkt man sich: Das meint der doch nicht erst?
Oder man denkt sich: Das muss doch mit einem Logopäden in den Griff zu kriegen sein.
Oder man denkt sich: Will der nicht anders… oder kann der nicht?
Dann aber zeigt einem der Schweizer sein Bankkonto oder der Amerikaner seine Waffensammlung und dann behält man alle diese Gedanken für sich.

Obwohl man sich bei Stephen auch so einiges denkt.
Das ist der mit dem P, dem H und dem N. Gemeinsam also: „Phn!“
Das klingt nicht weich, eher verächtlich. „Phn!“
So als würde man schnell Luft ausstoßen, um seinen Missfallen zu auszudrücken. Aber ohne inhaltlich argumentieren zu müssen.
Einfach mal in die Gegend, in die Runde, in die Luft phn-en, dann hat man den anderen seine Verachtung ausgedrückt und den Tag vermiest.
Und so ist der Stephen auch. Der Miller.

Die Gemeinsamkeit mit Steve Miller besteht aber nicht nur im fast identischen Namen, sondern darin, dass beide Autoren von „The Joker“ sind. Allerdings ist „The Joker“ beim einen eine coole Blues-Rock-Nummer aus den 70ern und beim anderen eine lebendig gewordene Comicfigur, die gerade US-Präsident ist. Und der Stephen, der auch selbst noch aussieht wie der Helfershelfer von einem Bösewicht (was er ja im Prinzip auch ist), schreibt völlig wirre Sachen: Paranoide Gewaltphantasien (mit P und H und N!) über weiße Vorherrschaft.
Oder drischt Phrasen (mit P und H und N), dass die Sturmabteil… nein… Einwanderungsbehörde ICE nicht genügend Menschen festnimmt.
Kurz gesagt: Wer Donald Trump als Problem ansieht, für den muß Stephen Miller erst recht ein phuckin’ Problem sein.

Steve ist da ganz anders.
Er ist bescheiden. Er dreht sich auf meinem Plattenteller und singt:
„Some call me the Space Cowboy, some call me the Gangster of Love…“
Und auch wenn ich nicht Maurice heiße, weiß ich - wenn ich das höre - daß ich trotzdem hier, genauer gesagt „right here, right here, right here“ at home bin. In meinem Oberstübchen. Und jetzt les’ ich weiter.

Und das Smartphone (mit P, H und N) lass ich auch liegen.
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