Monster-Kritik SZ April 2009
Bestiarium der Schwächen
Die Monster in uns: Christian Moser und Severin Groebner im
Lustspielhaus
Egal, was passiert, die Umstände waren es. Und die sind natürlich auch
keine menschlichen Fehler. Sie sind Monster der Psyche. Wie die
Bequemlichkeit, die Unpünktlichkeit oder die Trödelei. Für den
Münchner Illustrator und Comiczeichner Christian Moser existiert kein
Karma, kein Ich und Über-Ich - es gibt nur die Monster des Alltags und
ihre perfiden Tricks, die an allem schuld sind. Seine neuesten
Forschungsergebnisse erläutert der selbsternannte Doktor der
Monsterologie im weißen Kittel nun im Lustspielhaus. Ganz
selbstverständlich, so als ob gar keine Zweifel an der Existenz dieser
geschlechtslosen Quälgeister bestünden, erklärt er ihre Herkunft, ihre
Lebensformen und die fatalen Auswirkungen auf den Menschen anhand
seiner, leider an eine viel zu kleine Leinwand projizierten
Zeichnungen. Man möchte sie nämlich groß sehen, seine wunderbaren und
sehr subtilen Geschöpfe, die ganz genauso aussehen müssen, weil sie
einem so vertraut erscheinen.
Und während die gerade losgelassenen Ungeheuer in den Köpfen der
Besucher schon ihr Unwesen treiben, zeigt Kabarettist Severin Groebner
die Auswirkung des Befalls. Als gestresster Herr K. erlebt er das Auf
und Nieder der Gefühle, leidet unter Ungeduld, Prüfungsangst und
Jähzorn und begegnet einer karrieregeilen "Business-Queen" auf
Stöckelschuhen. Groebner spielt sie alle. Psychomonster und verkorkste
Charaktere. Und wenn er sich dafür sein Jackett als Rock um die Hüften
schlingen muss, weil seine Chefin wieder mal einen neuen Ehrgeizschub
bekommt. Wie ein Gummimännchen verbiegt sich der gebürtige Wiener, ist
mal die Brunft und mal das schlechte Gewissen, erleidet Schreiattacken
und singt traurige Balladen, wenn die innere Leere Besitz von ihm
ergreift: Groebner zwischen Genie und Wahnsinn, zwischen Comedy und
Kabarett. Besser kann man nicht spielen, besser nicht zeichnen. Die
Symbiose von Groebner und Moser, seit Jahren erprobt, funktioniert
immer besser.
Schlaue Vorträge über die Stärkung des Ichs, Selbstfindungsseminare -
alles Unfug! Ein Abend mit Moser und Groebner - und die
Fehlschaltungen im Gehirn sind endlich erklärbar. Dann könnte man mit
dem gutem Vorsatz (lateinisch: propositum fragilis) beginnen, alles zu
verändern und die Monster endlich zum Teufel jagen. Doch das ist alles
nur Schönfärberei. Klappt nicht. Denn der gute Vorsatz hat die
Eigenschaft, sich schnell wieder aus dem Staub zu machen. Am besten,
man kauft gleich das neue, dritte Monsterlexikon von Moser - das
erspart teure Sitzungen beim Therapeuten.
NICOLE GRANER - Süddeutsche Zeitung, April 2009
